Weiberia Texte

Bei der Vorbereitung zur Weiberia und in der Phase vor dem Start eines neuen Kurses begegnen mir immer wieder Gedanken oder Auseinandersetzungen mit mir selbst, die ich als Texte verfasse, damit sie nicht verloren gehen. Sie helfen mir innere Klarheit zu finden und meine eigenen Prozesse zu nutzen, um andere Frauen in ähnlichen Situationen zu unterstützen. Diese Texte geben einen tieferen Einblick, um welche Art von Arbeit es in der Weiberia geht. Ich sammle sie hier, damit du die Möglichkeit hast darin zu stöbern.

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„Wahrnehmung ist eine seltsame Sache. Jeder einzelne Mensch nimmt die Welt um sich herum anders wahr. Es gibt gewissermassen also Millionen unterschiedliche Welten.“

Mit diesen Worten beginnt der Film Graustufen von Johanna Gross, welchen ich kürzlich sah. Mich beschäftigte das Zitat noch eine Weile. Denn genau diese Welten sind ein unglaublicher Schatz. Nur sehen wir das im Alltag oft anders. Verwirrend.

Wenn niemand die Welt direkt wahrnimmt, sondern stets gefiltert durch seine 5 Sinne, dann entstehen unterschiedliche Welten. Sie faszinieren mich, seit mir das selbst bewusst wurde. Ich meine so richtig bewusst. Mit einem echten Aha-Effekt. Als diese Wahrheit in mein Bewusstsein vordrang.

Dieser Moment kam für mich mit dem Fall der Mauer in der DDR. Bis dahin hatte ich wohl angenommen, dass alle Menschen die Welt gleich sahen wie ich. Ich muss lachen. Das Privileg der Jugend, sich selbst für den Nabel der Welt zu halten.

Der eiserne Vorhang fiel und meine kleine Welt wurde plötzlich riesengross. Mir begegneten andere Lebensentwürfe, andere Sichtweisen, andere Familiensprachen, andere Umgangsformen, andere Prioriäten, andere Werte. Da war er, mein Aha-Effekt und die Erkenntnis, wie sehr mein Aufwachsen, meine Umgebung, das System in dem ich lebte, meine Wahrnehmung geprägt hatte. Ich wurde süchtig nach „anders“. Ich wollte durch die Augen der Anderen sehen, durch ihre Haut fühlen, durch ihre Ohren hören. Mir war, als würde ich erst jetzt erfahren, was mir all die Jahre gefehlt hatte. Ich wurde zum staunenden Kind und entdeckte, was alles in mir war. Mir wurde der Zusammenhang bewusst. Ich konnte es nicht in mir entdecken, weil ich keine Vorstellung davon hatte. Meine Wahrnehmung beschränkte sich auf die Welt, in der ich bisher gelebt hatte. Vermutlich bewahrte mich das auch vor der Verzweiflung? Und vielleicht blieb dann, beim Erkennen, der Schmerz erträglich, weil ich losziehen konnte. Die Menschen in mich aufsaugen, in ihrer Unterschiedlichkeit.

Am Anfang war die Beobachtung. Die wiederum durch meinen eigenen Filter ging. Es brauchte noch ein paar Jahre, bis ich die Kommunikation entdeckte und nutzte um nachzufragen. Erst dann präsentierte sich mir die Welt der Anderen. Und am Ende fragte ich meine Schwester, wie sie unsere Kindheit erlebt hatte. Es war eine andere Geschichte, als meine. Ich fragte andere Menschen, die in der DDR aufgewachsen waren, wie sie diese Zeit erlebt haben. Es waren hundert andere Geschichten.

Ich arbeite mit Menschen. Schon mein Leben lang. Ich habe einen riesigen Pool an Welten gesammelt, aus denen ich schöpfe.

Heute höre ich die Zwischentöne, ich bemerke die Nebensätze, ich erkenne die Stimmlage und sehe die Haltung. Was auch immer ganz kurz aufblitzt, meistens bemerke ich es. Das ist eines der Schlüsselelemente in der Weiberia. Ich höre deine Wahrnehmung und sehe mit meiner eigenen auf die Situation. Ich stelle eine Frage. Wir finden heraus, welche Welt gerade nützlich ist, um dich weiter zu bringen. Ich fühle vor und kundschafte aus. Wenn es sein muss grabe ich, graben wir zusammen.

Am Ende nimmst du deine Welt immer noch wahr, mit allen deinen Sinnen. Und doch ist etwas anders…

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Ich liebe, was gelingt.

Mir ist in meinem Leben schon einiges gelungen. In meiner produktiven Zeit gab es so viele Ergebnisse. Und ich habe sie geliebt. Eine Zeit lang sogar gesammelt. Ich liebe sie noch heute.

Ich liebe den Prozess.

Wirklich. Das tue ich. Es gab in meinem Leben einige Aufgaben, die richtig viel Arbeit bedeuteten. Für die ich einen langen Weg gehen musste. Und ich liebte auch den Weg. Ich hatte richtig Spass mit der Vorfreude auf das Ergebnis.

Das ist der Punkt.

Ich ging vom Gelingen aus. Von einem guten Ergebnis. Aber was ist mit all dem Scheitern? Und dem Weg dorthin?

Kann ich lieben, was nicht gelingt?

Ja, es gibt Dinge in meinem Leben, die nicht gelingen. Solche, die richtig in die Hose gehen, den Bach runter, wie man in der Schweiz sagt. Diese Dinge liebe ich genau bis zum Kipppunkt. Bis zu dem Punkt, an dem ich bemerke, dass mein Ergebnis in Gefahr ist. Ab hier versuche ich zu retten, gegenzusteuern, das Ruder noch herum zu werfen. Ab hier wird’s richtig anstrengend.

An diesem Punkt weiss ich heute: Da liegt meine Aufgabe. Nicht, weil ich die Anstrengung scheue. Sondern weil ich mir nicht mehr selbst das Leben schwer mache. Denn das habe ich. Am Kipppunkt fiel ich in mein ganz persönliches Loch. Ich rauschte mitsamt meinem Prozess den Bach runter. In mein sehr persönliches Drama, in meine bequeme Opferrolle. Unkontrollierbar. Selbstverstärkend. Das zeichnet Kipppunkte aus.

Das Ende vom Lied?

Die Palette ist reichhaltig: Scham, Schuld, Wut, alles hinwerfen, abbrechen, verleugnen, fremdbeschuldigen, bagatellisieren, schönreden, verdrängen, ins Lächerliche ziehen. Und dann? Wunden lecken. Schnell weiter. Neue Aufgabe, neuer Flow. Wenn ich Glück habe gelingts. Und wenn nicht? The same procedere.

Kann man machen. Gilt heute, glaube ich, als gesellschaftsfähig. Passt zum Tempo und zum Zeitgeist.

Warum nicht weiter so?

Weil ich schon lange das Tempo reduziere. In vielen Bereichen meines Lebens. Und je langsamer ich werde, desto mehr Langsamkeit scheine ich zu brauchen. Ich bekomme gar nicht genug. Weil es plötzlich so viel zu sehen gibt. Weil erkennen Zeit braucht.

Und was ist nun die Aufgabe?

Heute weiss ich, dass der Kipppunkt ein magischer Punkt ist. Er erinnert mich daran, mich einzulassen. Loszulassen. Andere Wege in Betracht zu ziehen. Mich wirklich hinzugeben. Nicht sofort alles als verloren zu deklarieren.

Sondern?

Ich lasse das Ergebnis fallen. Nicht ich, sondern meine Ergebnis rauscht ins Loch. Zugegeben, manchmal falle ich noch mit ihm hinein. Aber ich bin schneller wieder draussen. Und dann beginnt das Wundern, das Spielen, das Kind werden und staunen. Zuerst ist es ein Staunen vor einem riesigen Scheiterhaufen. Dann wird es zum Entdecken. Der Scheiterhaufen liegt vor mir. Wie lasse ich ihn hinter mir? Drüber, drumherum, mittendurch? Ich werde neugierig, was dahinter liegt. Worauf verperrt er mir die Sicht? Die Vorfreude ist zurück. Die Anstrengung wie weggeblasen. Ich sehe den Weg, welcher hinter mir liegt. Den ich gegangen bin bis zum Scheitern. Und jetzt eröffnen sich neue Perspektiven. Mein Blickwinkel ist weit. Er leuchtet weit über, neben , unter dem Scheiterhaufen aus, was möglich ist.

Ja, erst hier verstehe ich , was die schönen Sätze meinen: Folge der Freude. Geh dahin wo`s leicht geht. Kurz und prägnant, wie der Zeitgeist es verlangt. Und doch für Viele nicht stimmig. Häufige Gegenargumente: Das ist nicht das Leben. Wenn`s so einfach wär!

Einfach ist es nicht.

Ich musste durch einige Erkenntnisprozesse. Täler der Tränen und Verzweiflung. Bis diese Sätze für mich stimmig wurden. Bis ich den Sinn entdeckte. Bis ich meinen Eigenanteil am Geschehen fand. Bis ich auch die andere Seite der Medaille sehen und begreifen konnte.

Bis ich mich immer häufiger über mein Scheitern lachen höre.

Wie das möglich ist?

Das ergründen wir in der Weiberia. Wenn du den Boden deiner Tasachen ausleuchten willst, dann komm in den Kreis der drei Frauen. Sie halten den Raum, den du brauchst, um dich selbst zu erkennen.

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Welchen Einfluss unsere Sprache auf uns hat, habe ich deutlich erfahren, als ich vor mehr als 25 Jahren begann meinen Weg als Trainerin zu gehen.

In der Körperarbeit mit Gruppen, lernte ich, was für einen wichtigen Teil meine Sprache übernimmt, um Menschen erreichen, motivieren und anregen zu können etwas zu tun. Theoretisch habe ich das schnell verstanden, wirklich begriffen, WIE es wirkt, habe ich letztendlich erst, durch die Rückmeldungen meiner Teilnehmerinnen, die in Worte fassten, was mir damals gar nicht möglich war.

Für mich gab es aber noch ein viel weitreichenderes Lernerlebnis. Sobald dieses Suchen nach positiven Begriffen, nach freudigen Affirmationen, nach sinnhaften, nachvollziehbaren Antriebsquellen in meine Sprachroutine übergegangen war, sobald wurde auch mein eigenes Leben leichter. Sobald ich nicht mehr darüber nachdenken musste, was ich wie sagen möchte, sondern gar nicht mehr anders konnte, als in diesen, ich nenne es mal "Umdeutungen", zu reden, desto spürbarer waren die Auswirkungen.Schon damals habe ich verstanden, welch grosser Schatz sich hinter dieser scheinbaren Kleinigkeit verbirgt.

Was ich heute nutze, ist ein gewisses Erforschen der Sprache.

Unsere Muttersprache enthält mütterliches Wissen. Wir Töchter unserer Mütter können unsere eigene Sprache erforschen, um etwas über uns zu erfahren. Unsere Sprache weiss vieles über uns. Wenn wir anfangen uns selbst zuzuhören, dann können wir dieses Wissen nutzen.

Unsere gesprochene Sprache ist Ausdruck innerer Hintergründe. Die Begriffe, die wir häufig verwenden, können uns dabei helfen dem Ausdruck zu geben, was bisher nicht greifbar war.

Wenn du eine sprachliche Wendung immer wieder benutzt, dann untersuche genauer, welchen Gefühlshintergrund deine Worte haben.

Du willst mehr erfahren?

Sprache ist eines unserer Themen in der Weiberia.