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  • Antje Hirt

Fingerspitzengefühl mir selbst gegenüber


Eine der grössten Herausforderungen, wenn ich Menschen mit Demenz begleite, ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen. Aus meinen Beratungen weiss ich, dass das in Familien ebenfalls ein echter Knackpunkt sein kann.

Geraten wir in herausfordernden Situationen an unsere Grenzen, dann laufen wir Gefahr, dass unsere Gefühle zum Selbstzweck werden. Wir ertappen uns vielleicht inmitten von Schimpfereien, welche als Ventil für uns funktionieren, ansonsten aber keinen positiven Effekt haben. Und obwohl wir das wissen, erleben wir uns immer wieder in solchen Situationen.

Das Gute daran ist, dass wir in Betreuungssituationen immer sehr viel über uns selbst lernen. Wenn wir bereit sind dafür, die eigenen Gefühle zu reflektieren, wenn wir uns während oder nach einer erlebten Situation Fragen stellen und beantworten, dann sind wir auf dem besten Weg, die Auslöser zu finden und anders zu reagieren.

Was brauche ich?

Was macht das mit mir?

Warum ärgert mich das jetzt so?

Durch diese Art der Psychohygiene lernen wir, bei welchen Gefühlen es uns schwer fällt sie auszudrücken und gut für uns zu sorgen. Wir erkennen , wie rüpelhaft wir manchmal mit uns selbst umgehen, wie wenig verzeihend wir uns selbst gegenüber sind. Aber nur, wenn ich das Fingerspitzengefühl mir selbst gegenüber aufbringen kann, bin ich in der Lage, harmonisch in Verbindung zu gehen mit anderen Menschen.

In einem Podcast, den ich kürzlich hörte, wurde Psychohygiene folgendermassen beschrieben:

Psychohygiene = Ich mache mich sauber.

Ich mache mich sauber, passiert nicht dadurch, dass ich den Anderen schmutzig mache. Oder umgekehrt: Nur weil ich den Anderen schmutzig mache, werde ich dadurch nicht sauberer. Also muss ich mich fragen, was muss ich mit mir machen, um psychisch sauber zu bleiben?

Ein Bewerfen des Anderen, damit der genauso dreckig ist, wie ich mich gerade fühle, ist keine Psychohygiene, das ist Projektion.

Gefühle sind denk- und handlungsleitend. Wir können lernen unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen ohne den Anderen zu beschuldigen. Auch Angst und Unsicherheit lassen sich benennen und auf eine gute Art und Weise zum Ausdruck bringen.

Ein gute Strategie, in der Begleitung von Menschen mit Demenz ist folgende:

Wenn ich ein positives Gefühl habe, dann gehe ich direkt in Verbindung. Ich mache quasi den Anderen dafür verantwortlich.

"Du hast mir jetzt sehr geholfen" oder "Du hast mich gerade zum Lachen gebracht"

Wenn ich ein negatives Gefühl habe, dann versuche ich bei mir zu bleiben und nicht in Verbindung zu gehen. Das vermeidet Missverständnisse.

"Ich bin unsicher" oder "Mir ist dabei nicht wohl" oder "Ich bin traurig"

Um es ganz kurz auszudrücken bedeutet Professionalität im Umgang mit den eigenen Gefühlen in Begleitungssituationen für mich, mich zu entscheiden:

Wann gehe ich in Verbindung und wann bleibe ich bei mir. Denn letztendlich entsteht durch das Bei-mir-bleiben dann die Verbindung. Mit diesem Vorgehen versuche ich meinem Gegenüber grösstmögliche Klarheit zu bieten.

Wie man Gefühle wertschätzend ausdrücken kann, wie man in Verbindung mit sich selbst und mit anderen Menschen kommt, das weiss und lebt meine liebe Freundin Angela. Eine sehr herzliche Empfehlung:

https://www.angelagohl.ch/





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