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  • Antje Hirt

Jedem sein Gefühl


Der Umgang mit Menschen, die von einer Demenz betroffen sind, gelingt leichter, wenn wir die Gefühle hinter den Worten oder Handlungen erkennen und ansprechen. Sind unsere Interpretationen treffend, dann fühlen sie sich wahrgenommen und gehört. Klammern wir uns an die Worte, finden nicht die passende Erklärung, ist die Frustration auf beiden Seiten gross.

Sobald die Worte schwinden, sind wir sogar darauf angewiesen nonverbal und energetisch eine Verbindung herzustellen. Wie gelingt uns das?

Gefühle sind Energie. Diese Energie wirkt unabhängig von unserem Verstand. Mehr als einmal habe ich erlebt, dass Menschen mit einer weit fortgeschrittenen Demenz es geschafft haben, meinen Gemütszustand hinter der professionellen Maske, zu entlarven. "Du bist traurig" hörte ich dann. Oder es wurde mir eine Hand auf den Arm gelegt, um die gerade verrichtete Tätigkeit kurz zu unterbrechen und ich bekam einen mitfühlenden Blick.

Es ist also wichtig, sich darüber im klaren zu sein, dass nicht das, was wir von uns zeigen wollen, sondern das, was sich zeigt, eine Rolle spielt. Und was sich zeigt, entscheidet unser Gegenüber selbst. Deshalb sind Menschen mit Demenz verwirrt, wenn sie ein tiefes Gefühl bei uns wahrnehmen, unser Verhalten diesem Gefühl aber nicht entspricht. Da sie es mit dem Verstand nicht mehr einordnen können, entsteht bei ihnen wiederum ein Gefühl. Das Gefühl: Da stimmt was nicht. Solche Irritationen können im Alltag regelrechte Kettenreaktionen auslösen, ohne dass wir uns bewusst werden, woran wir scheitern.


Lange stand mir ein Satz im Weg, den ich in meiner Ausbildung zur Krankenschwester in der ehemaligen DDR gehört hatte: Die Anderen sind krank und du bist gesund. Nimm dich zurück! Ähnliche Prägungen tragen wir alle in uns. Sich Gefühle nicht anmerken zu lassen, sie als unpassend abzuwerten oder gar zu leugnen, galt als ehrenhaft. Die Anderen nicht mit "dem eigenen Kram" belästigen war eine Selbstverständlichkeit. Viele von uns haben in ihrer Kindheit Erwachsene erlebt, die sagten es ginge ihnen gut, obwohl das offensichtlich nicht der Fall war.

Das innere Gesetz, welches wir damit schreiben, beinhaltet eine Wertung. Besser gesagt eine Abwertung. Die Abwertung des eigenen Innenlebens. Gleichzeitig stellen wir unser Gegenüber auf ein Podest. Das heisst, wir nehmen uns die Chance auf Augenhöhe.


Um wirklich sensibel auf ein Gegenüber reagieren zu können, ist es für mich unerlässlich geworden, zunächst einmal Klarheit in die eigene Gefühlswelt zu bringen. Erst, wenn ich mich selbst zeigen kann, kann eine Begegnung gelingen. Erst, wenn ich mich zeigen darf, kann ich meinen Energiehaushalt auf einem ausgeglichenen Niveau halten. Ich muss keine Kraft mehr investieren um ein Bild von mir zu zeichnen, von dem ich annehme es gefällt den Anderen.

Das bedingt, dass ich bereit sein muss, meinen Automatismus zu erkennen und zu unterbrechen. Als ich damit anfing mich selbst zu beobachten, war ich erschrocken. Erschrocken darüber, wie schnell Antworten aus meinem Mund kamen, die meinem Innenleben nicht entsprachen. Ein deutliches Zeichen von Automatismus.


Erst mit dieser Erkenntnis, gelingt uns eine genauere Betrachtung der Frage, warum wir das eigentlich tun. Was steckt hinter diesem Verhalten? Warum scheint Selbstverleugnung einfacher als Klarheit den eigenen Gefühlen gegenüber? Warum tun wir selbst, was uns bei Anderen vorsichtig werden lässt? Jeder weiss, wie misstrauisch wir werden, wenn uns jemand gegenüber sitzt, dessen Worte mit dem Eindruck, den er energetisch bei uns hinterlässt, nicht zusammen passen. Umgekehrt wissen wir auch, wie wohl wir uns in Gegenwart von Menschen fühlen, bei denen beides zusammen passt. Letztendlich ist also die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und wie wir dazu stehen, eine Entscheidung darüber, wieviel Verantwortung ich für mich übernehme.

Wenn ich diese innere Klärung vollzogen habe, darf ich Menschen mit Demenz auf Augenhöhe begegnen. Nicht nur ihre, auch meine Gefühle werden von mir wahrgenommen und benannt. Ich muss sie nicht mehr abweisen und darf sie zugeben. Meistens genügt das. Was ist, liegt auf dem Tisch. Ich kämpfe nicht dagegen. Sobald ich nicht dagegen kämpfe, springt auch der Automatismus nicht mehr an. Mein Verstand wehrt nicht ab. Und ich gebe meinem Gegenüber die Möglichkeit zu reagieren. Darauf was ist. Nicht darauf, was ich vorgebe. Noch heute bin ich immer wieder überrascht. Überrascht von der Einfachheit und der Wärme, die möglich ist. Glücklich darüber, dass Menschen mit Demenz auf Seelenebene abrufen können, was dem Verstand schon lange nicht mehr möglich ist. Diese Augenblicke sind es, die mir Hoffnung geben. Diese Momente sind purer Genuss.

Ich wünsche euch viele solche gemeinsame Augenblicke!

Antje




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