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  • Antje Hirt

Demenz-bist du bereit das Geschenk daran zu sehen?


Am Demenzmeet in Basel vergangene Woche habe ich erklärt, warum ich konsequent Beobachterin bleiben möchte:

  • Weil ich damit offen bleiben kann. Offen dafür den Blickwinkel immer wieder zu wechseln

  • Weil ich mich dadurch nicht einschränken lasse durch mein Fachwissen, welches ein wichtiges Puzzleteil ist im Umgang mit Demenz, aber eben nur eines von unzähligen ganz wichtigen Teilen

  • Weil ich dadurch dem allgegenwärtigen Impuls widerstehe sofort etwas vergleichen oder verändern zu wollen

  • Und weil es sich dann nach erforschen anfühlt, was ich tue. Das weckt meine Neugier.

Was für mich aber das spannendste am Beobachten ist, habe ich bisher noch nicht erwähnt. Es ist die Beobachtung hinter der Beobachtung. Dort liegt immer ein Geschenk, welches bei der ersten Betrachtung verborgen bleibt.

Was meine ich damit?

Nun, ich würde lügen, wenn ich behaupte ich sei im Umgang mit Demenz immer gelassen. Bei Weitem nicht! Und genau da, liegt das Geschenk verborgen.

Wir alle kennen - im Umgang mit Demenz - kleine Anekdoten, die Freude bereitet, uns zum Schmunzeln gebracht haben oder besonders emotional waren.

Bei solchen Gelegenheiten sehen wir ganz klar auch die nährende Seite der Medaille.

Ich spreche aber von der zehrenden Seite.

Die zeigt sich in den Situationen, in denen das Verhalten des Menschen mit einer Demenz mich triggert, mir mehr unter die Haut geht als sonst und ich merke wie Ärger in mir aufsteigt. Manchmal ertappe ich mich dann bei dem Gedanken: Ich ärgere mich, weil er dies oder jenes tut. Und dann reagiere ich ungehaltener als sonst. Ich denke das ist menschlich und jeder kennt das in einer Betreuungsbeziehung.

Hier fängt der zweite Teil der Beobachtung an. Meine Selbstbeobachtung. Und ich frage mich, warum ich in manchen Situationen gelassen bleiben kann und in manchen der Ärger ganz unmerklich aufsteigt und von mir Besitz ergreift.

Regelmässig komme ich dann darauf, dass es mit der Situation oder dem Menschen mit Demenz nicht viel zu tun hat. Es hat vielmehr mit dem zu tun, was schon IN MIR war, bevor der Mensch mit Demenz auf der Bildfläche erschien.

Solche Situationen stehlen Kraft. Diese Kraft muss ich schon vorher irgendwo verschwendet haben, sonst würde die Reaktion in mir gar nicht entstehen können. Ein Reiz von aussen schafft das nur, wenn er innen auf Resonanz stösst.

Wisst ihr, wie wir perfekt Kraft verschwenden? Indem wir nicht zu uns stehen. Ja sagen, wenn wir nein fühlen, uns ständig so anpassen, wie uns die Umwelt haben will.

Dieses Verhalten wurde uns schon in der Kindheit anerzogen. So wie wir sind, sollten wir nicht sein. Diese Spaltung tragen wir mit uns herum. Es gibt Anteile, die zu uns gehören, aber verdrängt werden durch die Anteile, die wir glauben sein zu müssen. ("Sprich nicht zu laut", "Nimm dich nicht so wichtig", "Gib Antwort")

Wenn es mir gelingt dies zu erkennen und ich den Blickwinkel wechseln kann, indem ich mir sage: "Da kann ich mir einen Anteil von mir zurückholen. Danke für dieses Geschenk!" Dann erlaube ich mir durchzuatmen und genauer hinzuschauen.

Denn nicht Menschen oder Situationen oder Dinge nehmen uns unsere Kraft, sondern WIR geben unsere Kraft hin an Glaubenssätze. Diese Glaubenssätze übernehmen irgendwann die Führung und sie sorgen auch dafür, dass wir sie verteidigen. Dann hören wir uns selbst sagen, warum wir so und nicht anders reagieren.

Ein in sich ruhender Mensch, sich selbst bewusst , verteidigt sich nicht. Es gibt keinen Grund dafür. Verteidigung verlangt nur ein Glaubenssystem, welchem wir folgen.


Ich habe mich entschlossen, mich innerlich bei der Person zu bedanken, die mich triggert. Sie lädt mich ein, mir meine Kraft zurückzuerobern. Ich atme tief ein und aus und es wird leichter. Ich stelle mir vor, dass ich den verlorenen Anteil von mir einatme und nach Hause hole. Dorthin, wo er sich sicher fühlt und nicht mehr verteidigen muss. Wo er sein darf, wie er ist. Ab diesem Moment "denke" ich meinen Ärger nicht mehr (siehe oben: Ich ärgere mich, weil er dies oder jenes tut), sondern ich fühle ihn. Der Vorgang wandert vom Kopf in den Körper. Denn der Kopf ist die Weigerung zu fühlen. Er kann den Ärger nicht auflösen. Nur der Körper ist im Hier und Jetzt. Der Kopf schöpft aus der Vergangenheit. Im Körper sind wir in der Lage unsere Energie zu verändern und zu halten.

Und was soll ich sagen? Situationen, in denen Ärger aufsteigt, sind seltener geworden. Und wenn er einmal aufsteigt, dann fühle ich ihn schon sehr früh und lasse ihn gar nicht bis in den Kopf. Mir stehen mehr Handlungsoptionen zur Verfügung, weil mich kein Glaubenssystem begrenzt. Echte Verbindung wird möglich. Und wenn ich mich bei mir sicher fühle, dann fühlen sich Menschen mit Demenz bei mir sicher.

Das klingt einfach? Probier es aus. Es beginnt damit, dass wir in jeder Situation, die uns begegnet wissen, dass sie etwas mit uns zu tun hat. Ich finde das nicht immer leicht.

Deshalb beginne ich meine Tage mit einem ganz kurzen Mantra, welches ich einmal in einem Podcast gehört habe: Ich liebe was ich bin und ich liebe, was sich mir zeigt.





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Michael