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  • Antje Hirt

Einlassen


Lange habe ich geglaubt, wenn ich Menschen mit Demenz verstehen will, dann muss ich möglichst viel über das THEMA lernen. Ich muss Informationen über SIE sammeln, um sie am Ende verstehen zu können.

Wenn ich heute einem Menschen mit Demenz begegne, dann weiss ich, ich soll etwas über MICH lernen. Denn das ist es, was in unzähligen Begegnungen immer wieder geschieht. Methoden, Ansätze und Konzepte sind in der Begegnung nur bedingt einsetzbar. Und sie haben immer auch die zweite Seite der Medaille. Oft nützlich, manchmal hindernd oder einschränkend.

Was tue ich also, damit es gelingt mich auf jede Begegnung einzulassen?

Worauf kommt es an?

Es kommt darauf an, wie ich das Leben sehe. Es kommt darauf an, wie ich in Beziehung gehe. Es kommt darauf an, welches Verständnis ich von Beziehung habe.

Möchte ich das wohlmeinende, in bester Absicht handelnde, das - für mich - alte Verständnis von Beziehung leben? Indem ich versuche das "Richtige" zu tun? Dann wird Beziehung im Wortsinn zu einem "Ziehen". Dann ist Leiden vorprogrammiert. Wir handeln aus der Angst heraus, nichts falsch machen zu wollen.

Sich begegnen, oder besser gesagt sich einlassen, verlangt allerdings das Gegenteil von Angst. Es verlangt Liebe. Und zwar die Liebe, die der Seele entspricht. Die Liebe, die aus dem Herzen entspringt. Oft hängen wir fest in der Liebe, wie der Verstand sie uns erklärt. Er sagt uns, dass wahre Liebe nach dem höchsten Wohl des Anderen strebt. Und da liegt der Hund begraben. Was ist das höchste Wohl des Anderen? Wer definiert das? Wenn ich von mir ausgehe, dann möchte ich das gern selbst tun. Also muss ich dasselbe auch jedem Anderen zugestehen.

In Kontakt miteinander sein heisst immer und immer wieder zu erkennen, wer man selbst ist. Es heisst sich permanent zu entscheiden, wer man sein und werden will. Das ist die Form von Entwicklung, die uns das Leben bietet. Die Liebe, wie das Herz sie uns erklären würde, ist reine Selbstliebe. Weil wir schlichtweg nur so an die Wahrheit und das Wohl des Anderen kommen. Damit sind wir in der Lage so aufmerksam zu bleiben, dass wir selbst dann, wenn Menschen mit Demenz verbal nicht mehr äussern können, was sie sich wünschen, entdecken, was im Moment praktisch ist. Uns ausprobieren und offen bleiben lassen.

Jede Beziehung, die wir eingehen ist Arbeit auf seelischer Ebene. Wenn wir uns im Umgang mit Demenz rein auf den Verstand berufen, verhindern wir diese wichtigste Lektion. Das Lernen über uns selbst. Dann haben wir unser Drama. Solange, bis wir unsere eigene Seelenarbeit geleistet haben.

Sobald das geschehen ist, reiht sich die Demenz dort ein wo sie hin gehört. In die Reihe der Herausforderungen, die das Leben so bietet. Ganz unspektakulär. Sie ist wie sie ist. Und ich kläre mit mir, meine eigene Reaktion darauf. Wenn ich das konsequent tue, dann werde ich im Umgang damit immer ruhiger. Ich tappe nicht mehr in jede Falle. Ich beziehe unpassende Gefühle nicht auf mein Gegenüber, sondern weiss wo sie hingehören.

Im Umgang mit Menschen mit Demenz habe ich mich selbst schon in Situationen wiedergefunden, in denen ich war, wie ich nicht sein wollte. Dadurch konnte ich erkennen wie ich sein will. Damit setzt Entwicklung ein, darauf baut sich Erfahrung auf. Selbsterfahrung. Und damit die Fähigkeit sich jedes mal neu einzulassen.

Um zum Anfangsgedanken zurück zu kommen: Ich sollte mich verstehen. Dann entsteht ein Verständnis für Andere. Ich sollte in der Lage sein mir zu begegnen. Dann schaffe ich gelingende Begegnungen. Ich sollte mir selbst diesen Wert geben, dann wird es nicht mehr nötig sein über Wertschätzung zu diskutieren. Dann ist sie da.

Welches sind eure Erfahrungen?

Antje

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