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"Ich habe es ihm doch versprochen" - Wenn Schuldgefühle wortlos machen

Autorenbild: Antje Hirt
Antje Hirt
13. Sept.
8 Min. Lesezeit



Wenn Schuldgefühle nach aussen wortlos machen, dann könnte es sein, dass es innerlich immer lauter wird.

Die Frage ist: Wer redet da eigentlich mit?

Ich möchte Sie mitnehmen in meine Gedanken zu einem Thema, das Menschen im Zusammenhang mit Demenz wirklich bewegt: Schuldgefühle, Verantwortung und die vielen Stimmen, die in uns sprechen können.

Eins gleich vorab: Hier gibt es nicht die Wahrheit, sondern Gedanken, die dienlich sind – oder vielleicht auch unpassend.

Nehmen Sie sich von diesem Gedanken-Buffet, worauf Sie gerade Lust haben, was mit Ihnen resoniert oder was Sie einfach neugierig macht. Ich möchte nicht in graue Theorie verfallen, sondern innere Räume betreten, mit Bildern und Metaphern arbeiten und dabei vielleicht etwas in Bewegung bringen.




Kennen Sie Fräulein Rottenmeier?

Die strenge Dame aus der Heidi-Geschichte, die aus Frankfurt anreist?

Ich kenne sie sehr gut. Sie lebt in mir.


Ich gebe es zu: Ich habe ein inneres Fräulein Rottenmeier. Früher nannte ich sie meine innere Kritikerin. Heute weiss ich: Sie ist eine Beschützerin.

Mein Fräulein Rottenmeier ist vor allem eines: überengagiert.

Ihr erhobener Zeigefinger eilt ihr immer voraus.

Sie hat zu fast allem eine Meinung. Sie ist pflichtbewusst. Ordentlich. Diszipliniert. Mit einem ausgeprägten Gespür dafür, was man tut – und was man besser nicht tut.

Und sie ist schnell.

Sobald ich in einem inneren Konflikt stecke, ist sie da.

Besonders dann, wenn zwei Seelen in meiner Brust schlagen:

Wenn ich für jemanden da sein möchte und gleichzeitig erschöpft bin.

Wenn ich helfen möchte und gleichzeitig an eine Grenze gerate.

Wenn ich mich nach Ruhe sehne und gleichzeitig noch viel Arbeit wartet.

Können Sie sich vorstellen, was mein inneres Fräulein Rottenmeier dann zu mir sagt?

Sie ist in der Regel scharf und kurz angebunden. Sie sagt Sätze wie:


„Man macht das so und nicht anders.“

„Jetzt stell dich nicht so an.“

„Andere schaffen das doch auch.“

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Oder:

„Du hast es doch versprochen.“


Am liebsten würde ich ihr all meine Fragen entgegenschleudern:

Wann soll ich das denn versprochen haben?

Wer stellt diese Rechnung eigentlich?

Wie hoch ist sie?

Und in welcher Währung wird sie bezahlt?

Aber Fräulein Rottenmeier ist streng. Und vernünftig.

Also bleibe ich still.

Und lange Zeit blieb damit auch etwas anderes still:

Meine eigenen Bedürfnisse.


Heute weiss ich etwas, was ich früher nicht wusste:

Fräulein Rottenmeier meint es immer gut.

Sie möchte, dass ich Verantwortung übernehme. Sie möchte, dass Beziehungen bestehen bleiben. Sie möchte verhindern, dass Menschen verletzt werden.


Dass ich sie schätzen gelernt habe, liegt an einer bestimmten Brille: der systemischen Sichtweise.

Mit dieser Brille auf der Nase fällt mir wieder ein, dass Familien Systeme sind und auch wie Systeme funktionieren. Dass in sozialen Systemen nichts einfach so ist und nicht anders. Dass es immer viele Möglichkeiten gibt, wie etwas sein könnte.

Mit der systemischen Brille kann ich Fräulein Rottenmeier mit ihrem strikten, ja linearen Denken mit anderen Augen sehen. Ich kann ihre Ressourcen erkennen und hole sie mir gerne an meine Seite.

Und zwar immer dann, wenn es um schwarz oder weiss geht. Um Recht oder Unrecht. Um Situationen, in denen Klarheit gefragt ist, darf sie die innere Richterin sein.


Die systemische Brille


Die systemische Brille erinnert mich noch an etwas anderes:

Es gibt nicht nur eine Wahrheit.

Wenn ich eine Situation anschaue, kann ich mich fragen:

Was sehe ich gerade – und was sehe ich vielleicht noch nicht?

Welche Perspektive fehlt mir?

Welche Geschichte könnte hinter dem Verhalten eines anderen Menschen stehen?

Und was verändert sich, wenn ich die Perspektive wechsle?

Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles gleich gültig ist.

Es bedeutet, dass ich neugierig bleibe, bevor ich bewerte.

Und genau das brauche ich auch, wenn ich mir meine inneren Stimmen anschaue.

Denn auch dort werde ich entdecken:

Es gibt nicht nur eine Stimme, die recht hat.


Das Leben ist eben nicht nur schwarz - weiss.

Gerade im Umgang mit Menschen mit Demenz begegnen uns ständig Situationen, in denen mindestens zwei Wahrheiten gleichzeitig da sind:

Wir lieben diesen Menschen – und sind müde.

Wir möchten helfen – und brauchen Unterstützung.

Wir möchten ein Versprechen halten – und merken, dass sich unsere Wirklichkeit verändert hat.

In solchen Momenten darf Fräulein Rottenmeier sich zurücklehnen.


In meiner Vorstellung bekommt sie dann ein Glas Sekt. Davon wird sie meistens ein bisschen schläfrig.

Sie hat heute verstanden, dass sie nicht allein ist. Dass es neben ihr noch andere Stimmen gibt, die eine Berechtigung und ein Mitspracherecht haben.

Denn Ambivalenzen, gegensätzliche Gefühle, sind keine Fehler.

Sie sind Ausdruck des Lebens.



Hat Ihre Familie unsichtbare Konten?


„Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine grosse Schuld.“

Wer katholisch aufgewachsen ist und regelmässig einen Gottesdienst besucht hat, kennt diesen Satz. Er gehört fest zur Messfeier. Hört man ihn über Jahre immer wieder, wird er irgendwann Teil der eigenen inneren Überzeugung.

Und was wir uns innerlich immer wieder sagen, das prägt uns.

So kann der Wunsch entstehen, mit einer möglichst „weissen Weste“ durchs Leben zu gehen – alles richtig machen zu wollen, keine Fehler zu begehen oder sich nach einem Fehltritt irgendwie wieder reinwaschen zu müssen.

Alte Schuldgefühle entstehen oft aus frühen Erfahrungen von Zugehörigkeit und Loyalität. Als Kinder lernen wir, was Nähe sichert und was Beziehung gefährdet. Diese Muster verschwinden nicht automatisch mit dem Erwachsenwerden. Wir nehmen sie mit in unsere Beziehungen und manchmal auch in die Begleitung unserer Angehörigen.


Das könnte auch der Grund sein, weshalb mein inneres Fräulein Rottenmeier existiert.

Und sie ist nicht allein.

Wenn Schuldgefühle auftauchen, sprechen sie selten mit einer Stimme. Meistens meldet sich ein ganzes inneres Team.



Mein inneres Team


Neben Fräulein Rottenmeier, die grosse Angst davor hat, ein schlechter Mensch zu sein, gibt es noch andere.

Da ist die Soldatin.

Sie fragt niemals, ob sie etwas wirklich will. Sie hört ihren Auftrag und setzt ihn um. Ihr geht Pflichterfüllung über alles. Sie funktioniert.

Und wissen Sie, wie alt meine Soldatin ist?

Sie stammt aus meiner Schulzeit: „Seid bereit – immer bereit.“

Ihre Angst ist es, jemanden im Stich zu lassen.

Dann gibt es die Abenteurerin.

Sie ist enorm kreativ und extrem neugierig. Für sie gibt es immer etwas zu entdecken. Sie hat keine Angst, sondern die Erinnerung daran, dass das Leben viel grösser ist als all seine Probleme.

Meine Geniesserin sitzt eigentlich den ganzen Tag in der Sonne. Sie ist dankbar für alles und riecht dauernd Kuchen, hört Musik oder schaut aufs Wasser.

Sie ist so weise.

Sie weiss, dass niemand dauerhaft funktionieren kann.

Und dann ist da noch Frau Holzklasse.

So nenne ich sie.

Frau Holzklasse ist sehr alt. Sie stammt vielleicht sogar aus einer anderen Generation.

Frau Holzklasse spart. An Ausgaben, an Worten, an Lob. Fliegt immer Economy, wenn sie überhaupt fliegt. Sie hat Geld lieber in der Hand oder auf dem Bankkonto, als dass sie es ausgibt.

Sie bestellt immer Leitungswasser und fährt lieber noch zehn weitere Jahre mit dem alten Auto.

Sie könnten jetzt vielleicht denken, sie ist geizig.

Aber das ist sie nicht.

Sie möchte verhindern, dass mir irgendwann etwas fehlt.


Ja, ich habe ein buntes Innenleben.


Und vielleicht fragen Sie sich jetzt: Was hat das mit dem Thema Schuld zu tun?

Jetzt wird's spannend.

Denn obwohl Fräulein Rottenmeier und die Soldatin vielleicht beide richtig streng wirken, verfolgen sie doch ganz unterschiedliche Ziele.

Fräulein Rottenmeiers Gerechtigkeitssinn ist überragend. Sie fragt sich immer:

„Ist das richtig?“

Die Soldatin hingegen fragt nach ihrem Auftrag und legt los.

Darin liegt für Fräulein Rottenmeier Konfliktpotential – nämlich dann, wenn sie den Auftrag nicht richtig findet.


Stellen wir uns folgende Situation vor:

Eine Ehefrau begleitet ihren Mann mit Demenz seit Jahren zu Hause. Sie ist erschöpft. Der Arzt empfiehlt ihr vielleicht, Kurzzeitpflege in Anspruch zu nehmen.

Die Soldatin in mir würde hören:

Der Arzt sagt, ich soll mich erholen. Die Einrichtung hat einen guten Ruf. Ich bringe ihn morgen dorthin. Auftrag angenommen.

Fräulein Rottenmeier grätscht direkt hinein:

Wie kannst du ihn wegbringen? Du hast versprochen, immer da zu sein. Eine gute Ehefrau macht so etwas nicht.

Die Soldatin antwortet vielleicht:

Aber genau das wurde mir geraten. Ich tue, was notwendig ist.

Und schon haben wir ein Hin und Her, das sich unangenehm anfühlt.


Beide haben gute Argumente.


Und jetzt kann ich meine systemische Brille wieder aufsetzen.

Ich muss nicht entscheiden, welche Stimme recht hat.

Ich kann neugierig werden:


Was versucht jede dieser Stimmen eigentlich zu schützen?


Die Geniesserin flüstert:

„Du brauchst diese Pause.“

Die Abenteurerin sagt:

„Vielleicht wird die Kurzzeitpflege sogar eine gute Erfahrung.“

Frau Holzklasse murmelt:

„Hoffentlich kostet das nicht so viel.“

Und plötzlich wird aus dem inneren Unwohlsein ein Gespräch.


Was verändert dieses Wissen über meine Stimmen?

Wenn ich mich heute schuldig fühle, muss mich das nicht mehr sofort lähmen.

Ich kann neugierig werden und einen Schritt zurücktreten:

Wer meldet sich hier eigentlich gerade?

„Ah … Fräulein Rottenmeier ist da. Sie versucht, mich an meine Verantwortung zu erinnern.“

Und allein dieser Gedanke verändert etwas.

Ich bin nicht mehr vollständig in diesem Gefühl drin.

Ich kann die Stimme beobachten, statt ihr sofort zu folgen.

Ich komme in eine Beobachterperspektive und werde wieder handlungsfähig.

Dann kann ich mich fragen:

Ist das, was diese Stimme mir gerade sagt, für meine heutige Situation hilfreich?

Welchen Wert versucht sie zu schützen?

Ist es Verantwortung?

Ist es Verlässlichkeit?

Ist es vielleicht Zugehörigkeit?

Und ich kann mich fragen:

Gilt dieser Wert in meinem heutigen Erwachsenenleben noch genauso – oder braucht er eine Überarbeitung?

Denn vielleicht möchte ich weiterhin ein verlässlicher Mensch sein.

Aber Verlässlichkeit kann heute etwas anderes bedeuten als früher.

Vielleicht bedeutet sie nicht mehr:

„Ich muss alles selbst machen.“

Sondern:

„Ich sorge dafür, dass mein Angehöriger gut versorgt ist – auch wenn ich diese Versorgung nicht allein leiste.“

Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.

Die alte innere Regel muss also nicht einfach falsch gewesen sein.

Sie hat mir einmal geholfen.

Aber:

Eine alte Regel darf sich verändern, wenn sich die Wirklichkeit verändert.

Und genau hier kommen wir wieder beim Thema Schuld an.

Genau genommen ist Schuld gar kein Gefühl. Wut, Angst, Ohnmacht, Trauer oder Hilflosigkeit – das sind Gefühle.

Schuld ist eine Zuschreibung von Handlungsverantwortung.

Wenn Sie sich in Situationen schuldig fühlen, können Sie sich deshalb fragen:

Wofür genau übernehmen Sie eigentlich Verantwortung?

Und:

Ist das angemessen?

Denn das, was wir als Schuld empfinden, ist oft eine gefühlte Schuld.

Unser Verstand kann wissen:

„Ich bin nicht schuld.“

Und trotzdem meldet der Körper:

„Es fühlt sich aber so an.“

Wenn wir Schuld als eine Zuschreibung von Verantwortung sehen können, dann lässt sich der Satz „Ich fühle mich schuldig“ in hilfreiche Fragen übersetzen:


  • Wie viel Verantwortung trage ich wirklich?

  • Welche Verantwortung trage ich nicht?

  • Welche Verantwortung stärkt die Beziehung?

  • Und welche Verantwortung führt mich in die Überforderung?


Nicht jede Schuld, die ich fühle, muss ich auch übernehmen.

Was passiert, wenn ich Schuld nicht mehr als Aufforderung verstehe, sofort etwas wiedergutzumachen, sondern als Hinweis:

Hier gibt es eine Verantwortung, die ich gerade überprüfen darf.

Und damit sind wir wieder bei meinen inneren Stimmen.


Um uns selbst zu verstehen, ist es tatsächlich hilfreich, die verschiedenen Anteile zu kennen.

Entscheidend sind aber nicht die einzelnen Anteile, sondern ihre Beziehung untereinander.

Denn sie sind sich selten einig.

Auch dafür habe ich ein Bild:


Alle meine Anteile fahren gemeinsam in meinem gelben, mit bunten Blumen bemalten inneren Hippiebus.

Und selbst wenn ich einen von ihnen wegen schlechten Benehmens an einer Haltestelle rausschmeisse, steht er zwei Haltestellen später wieder da und winkt.

Er steigt wieder ein, weil er ein gültiges Ticket hat.

Er gehört zu mir.

Und zu dieser Reise.

Alle gehören dazu.

Loswerden ist also keine Option.

Unser innerer Kritiker kann nicht gekündigt werden. Sein Vertrag ist für lebenslang ausgestellt.

Entscheidend ist deshalb, wie unsere inneren Anteile miteinander umgehen und welche Möglichkeiten sie uns eröffnen.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, das eigene lebendige innere System ein wenig kennenzulernen.

Und sich überraschen zu lassen, was man dort findet.


Demenz verändert nicht nur den Menschen mit der Diagnose.

Sie verändert ganze Familiensysteme.

Und wenn sich das Leben verändert, dürfen sich auch unsere Antworten verändern.

Ein Versprechen, das wir vor zehn Jahren gegegeben haben muss nicht bedeuten, dass wir heute dieselbe Verantwortung tragen wie damals.

Verantwortung wächst mit der Wirklichkeit – nicht mit dem schlechten Gewissen.


*Eine Visualisierungsübung zu den inneren Anteilen finden sie auf meiner Website Menüpunkt Demenz/6. Demenzmeet St. Gallen als PDF zum herunterladen

 
 
 

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